Erfahrungen von Max

„Deutsches Schwarzbrot und Schnitzel vermisse ich schon“

Max Reinhold (20) über seine Erlebnisse als Freiwilliger in Prosoya


Harte Arbeit, wenig Freizeit – und täglich ein Bienenstich: das ist für Max Reinhold der Alltag im peruanischen Urwald. Bei seinem weltwärts-Dienst packt er kräftig an und fragt sich dennoch ständig: Wie viel helfe ich hier wirklich? frei-raus hat er einen Einblick in seinen Alltag als Imker bei den Bienen von Prosoya gewährt.

Max Reinhold beim Säubern der Bienenwaben (Quelle: Max Reinhold)

„Ich weiß nicht, ob ich unbedingt gekommen bin, um zu helfen – schon eher aus egoistischen Gründen.“ Der 20-jährige Max Reinhold ist ehrlich. „Ich wollte vor allem etwas lernen und was Soziales machen. Aber ich weiß nicht, ob ich den Peruanern hier wirklich so eine so große Hilfe bin. Das meiste meiner Arbeit könnten sie wahrscheinlich schneller und besser selbst erledigen.“

Er zieht sich die klobigen grauen Gummistiefel über die Füße und stopft seine Hose hinein. Dann wirft er sich den Rucksack über die Schulter, in den er seinen Imker-Schutzanzug samt Arbeitshandschuhen gequetscht hat. „Auf geht’s!“ Es folgt eine gute Stunde Fußmarsch, den matschigen Berghang hinauf zu einigen der rund 90 Bienenvölker von Prosoya. Ein Weg, den Max während seiner Arbeitszeit als Imker fast täglich zurücklegt.

„Ich wollte unbedingt in die Natur“

Während er mit geschultem Auge die trittfesten Stellen im Matsch findet und sich den steilen Bergweg hinaufkämpft, erzählt er von seiner Arbeit und dem Leben im peruanischen Urwald. „Ich wollte unbedingt in ein weltwärts-Projekt in der Natur“, sagt er, „eigentlich sogar in ein Gebiet, in den es so richtigen Regenwald gibt. Als Arbeitsbereiche standen bei mir Landwirtschaft und die Arbeit mit Kindern ganz oben auf der Wunschliste.“ Beides kann er in Prosoya verbinden. „Ich arbeite jeweils zwei Wochen mit den Jungs in der Schreinerei und zwei Wochen als Imker – für mich der perfekte Ausgleich.“

Doch die Arbeitseinstellung hier in Peru unterscheidet sich grundsätzlich von der in Deutschland. Das hat Max schon kurz nach seiner Ankunft im Projekt festgestellt. Er lacht. „Hier funktioniert nicht alles nach einem klaren Plan“, gibt er zu, „da heißt es dann, wir treffen uns am Morgen, eine feste Uhrzeit wird aber nicht ausgemacht – und wenn, hält sich fast nie jemand dran!“ Er erzählt von der Zeit um Weihnachten, als er zusätzlich zu seinen normalen Aufgaben noch eine Extra-Arbeit machen sollte. „Die Trutscha – das bedeutet auf Spanisch Forelle –, so nennen wir den Arbeiter, der für die Forellenzucht zuständig ist, hatte über Weihnachten Urlaub. Er hat mich beauftragt, seine Fische in der Zeit zu füttern. Ich war natürlich einverstanden.“ Max grinst. „Dann war er weg und ich habe festgestellt, dass das Futter komplett leer war.“

Max auf dem Weg zur Bienenfütterung (Quelle: Kim Horbach)

„Es ist kein Jahr Urlaub!“

Die Arbeiter und Vorgesetzten des Projekts vertrauen den Freiwilligen – und trauen ihnen auch viel zu. So ist der für die Bienen zuständige Angestellte zur Zeit im Urlaub und Max darf sich im Alleingang um die Bienen kümmern. Nicht nur wegen der weiten Strecken ein ziemlicher Kraftakt: „Weil wir den Bienen ja ihren Honig wegnehmen, müssen wir ihnen als Ersatzfutter Zuckerwasser geben“, erklärt Max, „und das muss den Berg natürlich erstmal irgendwie hochkommen.“ So schleppt er an manchen Tagen einen großen Kanister auf dem Rücken den Hang hinauf, mit circa 15 Litern des klebrigen Wassers. „Es ist kein Jahr Urlaub“, sagt er deshalb über den weltwärts-Dienst. „Man muss sich darauf einstellen, hart zu arbeiten. Natürlich hat man auch Urlaubstage, aber es ist schon was ganz anderes als ein Austauschjahr oder Work and Travel.“

Max hat nach sechs Monaten im peruanischen Urwald genaue Vorstellungen davon, für wen ein Freiwilligendienst geeignet ist und für wen nicht. „Man muss bereit sein, sich einem sehr viel geringeren Lebensstandard anzupassen und nicht deutsch zu leben. Also offen sein für die andere Kultur und in Kauf nehmen, dass man auf gewisse Annehmlichkeiten eben verzichten muss.“  Obwohl, das sieht er auch, die Standards in Prosoya Yanachaga vergleichsweise hoch sind. „Wir haben immer Strom und fließendes Wasser“, sagt er, „das ist schon sehr gut.“ Der Strom kommt von Generatoren, die nur das Gelände des Projekts versorgen.

Mitten im Grünen: Max weltwärts-Projekt (Quelle: Max Reinhold)

„Wir sind hier schon ziemlich abgeschottet“

Max ist bei seiner Zwischenstation angekommen: einer kleinen Holzhütte, in der weitere Utensilien für die Imkerei lagern. Dort zieht er sich um und schlüpft in seinen Schutzanzug, bevor er die letzten 20 Gehminuten zu den Bienen zurücklegt. Er erzählt, dass er meistens gegen 18 Uhr mit der Arbeit fertig ist. „Danach geh’ ich ganz gern ins Restaurant vom Projekt, das zu unserem Hotelbetrieb dazugehört. Manchmal mache ich auch nochmal einen Abstecher ins Dorf, um ins Internet zu gehen.“ Die Freizeit ist überschaubar. „Oft lege ich mich auch einfach ins Bett – ich schlafe sehr viel“, sagt er lachend. „Oder ich spiele auf meiner Geige, wasche Wäsche und stopfe Löcher in meinen Klamotten.“ Weil man im Dorf nicht viel unternehmen kann, fahren die drei Freiwilligen an den Wochenenden in die nächste Stadt, Oxapampa. „Aber feiern gehe ich eigentlich nie.“ Was ihm oft fehlt, sind Freunde in seinem Alter. „Wir sind hier schon so ein bisschen abgeschottet.”

„Weil ich weiß und blond bin, wollen die Leute Fotos mit mir…“

Dabei sei es eigentlich leichter als in Deutschland, mit Leuten in Kontakt zu kommen. „Die Menschen sind hier viel offener und freundlicher als in Deutschland“, findet Max, „sie gehen mehr auf dich zu, auch wenn sie dich noch gar nicht kennen“. Weil er typisch europäisch aussieht mit seinen strohblonden Haaren und den blauen Augen, ist er besonders beliebt. „Deswegen wollen die Leute zum Beispiel oft mit mir Fotos machen. Hier denken alle, nur weil du weiß bist, hast du automatisch Kohle ohne Ende“, sagt er. Doch im Dorf und auch in Oxapampa fällt er nicht mehr so stark auf. „Hier sind sie es schon eher gewohnt, dass auch mal Weiße rumlaufen“, erklärt er, „das Dorf ist ja auch von Deutschen gegründet worden“.

Max beim Abfüllen des Zuckerwassers (Quelle: Kim Horbach)

Trotzdem gibt es hier keine deutsche Kultur. „Ich vermisse schon ein paar deutsche Sachen“, gibt Max zu, während er den Bienen Zuckerwasser in ein Glas abfüllt und es vor dem Bienenkasten platziert. „So ein geiles Schwarzbrot zum Beispiel oder ein Schnitzel! Oder auch einfach mal spontan ins Kino gehen zu können.“ Richtiges Heimweh habe er dennoch nie, sagt er. „Aber ich freue mich natürlich auch auf Zuhause, das ist klar.“

Sein eigenes Kleinprojekt

Für die letzten Monate in Prosoya hat sich Max noch einiges vorgenommen – zum Beispiel möchte er sein eigenes Kleinprojekt angehen. „Jeder Freiwillige bekommt einen geringen Betrag und kann damit ein eigenes Miniprojekt verwirklichen“, erklärt er.  Eine konkrete Idee hat er schon: „Ich möchte ein paar neue Bienenkästen für Prosoya bauen“, erzählt er auf dem Rückweg von den Bienenstöcken. „Das lässt sich mit dem Geld gut umsetzen und bringt dem Projekt auch langfristig gesehen was.“ Max braucht eigentlich nur noch Holz, dann kann er loslegen. „Den Rest will ich dann selbst machen – in der Schreinerei baue ich die Kästen zusammen, dann werden sie angemalt und schon können die neuen Bienenvölker einziehen!“ Zurück im Projekt stellt der 20-Jährige zufrieden lächelnd die matschigen Gummistiefel vor seinem Zimmer ab. „Ich geh’ jetzt noch kurz Geige üben, bevor es Abendessen gibt!“

Mehr zu Max Arbeit in Prosoya und zu seinen ausführlichen Erfahrungen finden Sie auf seinem Blog: http://maxinperu.jimdo.com.

Hier geht es zu den Freiwilligenberichten von Martin und Rebecca – oder direkt zur Übersicht der weltwärts-Reportage.

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